Angus and Julia Stone tauchten die Passionskirche in Berlin-Kreuzberg am Freitagabend in ein Meer aus 1000 Lichtern und himmlischen Klängen. Impressionen aus der Hauptstadt.

Die Orgel thront hoch über den Häuptern der Zuschauer in der gut gefüllten Berliner Passionskirche, majestätisch, anmutig, erhaben. Die letzten Sonnenstrahlen des bald endenden Tages fallen durch die bunten Glasfenster, verleihen der sonst eher düsteren Kirche einen goldenen Glanz. In dieser so seligen Umgebung möchte man fast glauben, in wenigen Minuten werde ein Gottesdienst abgehalten. Aber irgendetwas ist anders… Am provisorisch aufgebauten Tresen wird Bier verkauft und anschließend genüsslich im Kirchenschiff verzehrt…

Als Angus and Julia Stone die Fläche vor dem am Kreuze hängenden Jesus betreten, ist es mit der himmlischen Ruhe sowieso vorbei. Das Publikum bricht in frenetischen Beifall aus. Und das ist auch gut so! Denn schließlich befinden wir uns hier ja gerade nicht auf einem Gottesdienst sondern auf einem Konzert! Und da ist Klatschen nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht.

Multiinstrumentalistin Julia Stone schwebt elfengleich, in einen Hauch von weißem Stoff gehüllt, über die Bühne, huscht vom Piano zur Gitarre, schnappt sich die Trompete und klettert mutig die Stufen zur Kanzel hinauf, von wo aus sonst ein Prediger seine Worte verkündet. Tatsächlich klingen die gefühlvoll intonierten Folk-Songs der australischen Geschwister wie eine Offenbarung.  Die Töne, die soeben den zarten Mund der Sängerin verlassen haben, streicheln die Wangen der knapp 700 Zuschauer , lösen einen kalten Schauer aus, der den Nacken hinunter rauscht und die kleinen Härchen zu Berge stehen lässt. Gänsehaut-Feeling!

[youtube oTbObag1r0I]

Angus and Julia Stone: „You’re the One that I want“

Seinen emotionalen Höhepunkt erreicht das Konzert mit der ungewöhnlichen, wie beeindruckenden Interpretation von „You’re the One that I want“ aus dem 1978 verfilmten Musical Grease. Der sonst so selbstbewusst freche Song im High-School-Rock’n’Roll-Stil wirkt von Julia Stone vorgetragen eher wie eine verhalten, schüchterne Bekundung eines Verlangens, das besser unausgesprochen bliebe. Bezaubernd unschuldig interpretiert sie den Song völlig neu, verleiht den Worten, die Ende der 70er von John Farrar geschrieben worden sind, einen anderen Sinn.  Und wer der zauberhaften Julia und ihrer mädchenhaft säuselnden Stimme bisher nicht ohnehin schon vollends verfallen war, der kann sich wohl spätestens jetzt ihrem Bann nicht mehr entziehen.

Angus and Julia Stone strahlen mit Sonne, Mond und Sternen um die Wette

Während Angus and Julia Stone mit ihrer Band einen tollen Song nach dem anderen in das Kirchenschiff schicken, erleuchten am Himmel des Gotteshauses über der Schuke-Orgel abwechselnd Sonne, Mond und Sterne, die uns mit breit projiziertem Grinsen entgegen lächeln. Als das Konzert um etwa 22 Uhr zu Ende geht, hat die echte Sonne bereits ihren Platz am Himmelzelt für den Mond und seine glitzernden Gefährten freigegeben. Immer noch umfangen von den himmlischen Melodien trete ich selig und geläutert den Heimweg an.